Wenn es draußen glitzert und blinkt
Die Tage werden kürzer, die Nächte länger. In der Adventszeit machen wir es uns gemütlich und versuchen, der winterlichen Dunkelheit etwas entgegenzusetzen. Auch draußen wird fleißig dekoriert: Hecken, Gärten und Balkone leuchten in allen Farben – dezent oder opulent, statisch oder blinkend. Der persönlichen Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Über Geschmack lässt sich schlecht streiten – wir machen halt, was uns gefällt.
An dieser Stelle wünsche ich mir, dass Sie aufgeschlossen und neugierig weiterlesen. Vielleicht entdecken Sie dabei die eine oder andere Erkenntnis, die Ihnen neu ist – und die ohne großen Aufwand ein Segen für Sie und Ihre gesamte Mitwelt sein könnte. Nur Mut! Bleiben Sie dran.
Bäume sind Lebewesen – keine Dekorationsobjekte
Die Dunkelheit der Nacht bedeutet für uns Menschen oft einfach, dass es an Licht fehlt. Also schalten wir welches an – und fühlen uns gleich viel wohler. Doch künstliches Licht in der Nacht bedeutet für Tiere und Pflanzen vor allem eines: Stress.
Ob Straßenlaternen, Kugelleuchten im Garten oder grelle Lichterketten über dem Balkon und in der Hecke – unnötige Beleuchtung bringt die natürlichen Rhythmen von Bäumen und Sträuchern durcheinander. Die Folgen können weitreichend sein: Bäume werfen ihre Blätter später ab und werden dadurch anfälliger für Frostschäden. Im Frühjahr treiben sie mitunter Blätter aus, deren veränderte Eigenschaften es bestimmten kleinen Lebewesen, etwa Raupen, erschweren, diese Blätter zu fressen.
Künstliches Licht kann natürliche Abläufe in der Tier- und Pflanzenwelt empfindlich stören. Und das betrifft nicht nur einzelne Bäume oder Insekten: Auch die biologische Vielfalt insgesamt gerät dadurch unter Druck. Das ist keine Übertreibung.
Sieht doch hübsch aus!
Während die einen vielleicht schon zustimmend nicken, rollen andere womöglich mit den Augen und lächeln milde über diesen vermeintlich fatalistischen Beitrag. Macht nichts. Lesen Sie einfach weiter und freuen Sie sich auf das Happy End!
So fühle ich mich aber sicherer!
Neben der gemütlichen Adventsbeleuchtung wird – nicht nur in der dunklen Jahreszeit – gerne noch ein weiteres Argument ins Feld geführt: die Sicherheit.
Lichterketten, Solarlämpchen und Farbwechselkugeln lassen Garten, Terrasse und Balkon erstrahlen. So können wir abends vom Wohnzimmer aus nach draußen schauen und glauben, sofort zu erkennen, ob sich dort ein Einbrecher zu schaffen macht. Das gibt uns ein gutes Gefühl – und unsere Deko kommt dabei natürlich auch bestens zur Geltung. Weil Solarlampen sich selbst aufladen und LEDs wenig Strom verbrauchen, bleibt die eine oder andere Lichterkette dann schon mal das ganze Jahr hängen. Und nächstes Jahr kaufen wir uns noch ein paar weitere Lämpchen dazu.
Und was sagt die Forschung dazu?
Heller ist nicht gleich sicherer – auch wenn wir uns das manchmal wünschen. Studien zeigen keinen eindeutigen Beleg dafür, dass mehr künstliches Licht automatisch weniger Kriminalität oder Unfälle bedeutet.
Eine umfangreiche Langzeitstudie aus Großbritannien fand keinen Anstieg der Kriminalität oder Verkehrsunfälle dort, wo die Straßenbeleuchtung reduziert oder ganz abgeschaltet wurde. Auch im Sternenpark Rhön, wo einige Gemeinden ihre Straßen nachts teilweise oder vollständig unbeleuchtet lassen, zeigen sich bislang keine auffälligen Veränderungen in der Kriminalstatistik.
Natürlich muss sich deshalb niemand im Dunkeln pudelwohl fühlen. Doch unser Sicherheitsempfinden hängt nicht allein von der Helligkeit ab. Blendendes Licht und starke Hell-Dunkel-Kontraste können die Sicht verschlechtern und Menschen sogar aggressiv machen.. Richten Sie abends einfach mal eine Taschenlampe auf einen entgegenkommenden Fußgänger – Sie werden schon sehen, wie seine Reaktion ausfällt.
Und was ist mit dem Einbrecher, der nachts ums Haus schleicht? Dauerbeleuchtung und Bewegungsmelder, die bei jeder Katze anspringen, sind nicht unbedingt die beste Lösung. Wer wirklich etwas für die Sicherheit tun möchte, setzt vor allem auf gute Schlösser und gesicherte Fenster und Türen.
Hand aufs Herz
Vielleicht schaffen wir es ja, ein bisschen Rücksicht zu nehmen.
Wir könnten zum Beispiel unsere Adventsbeleuchtung nach dem 6. Januar, dem Tag der Heiligen Drei Könige, abbauen und wieder auf dem Dachboden verstauen. So bewahren wir den Zauber des Lichts als etwas Besonderes und empfinden im kommenden Jahr wieder dieselbe kindliche Freude beim Auspacken und Anschalten.
Den Weihnachtsbaum – das inzwischen trockene, nadelnde Gestrüpp – lassen wir schließlich auch nach Weihnachten abholen oder packen den Plastikbaum zurück in die Kiste. Die Weihnachtsplaylist nervt inzwischen auch, und der Rentierpulli kann endlich in die Wäsche.
Auch draußen geht es mit weniger Licht: Der Bewegungsmelder darf nach ein paar Sekunden wieder abschalten – schließlich muss nicht jeder nächtliche Spaziergang gleich zur großen Bühnenshow werden.
Auf grelle Flutlichtanlagen können Sie getrost verzichten. Wenn Sie Licht brauchen, richten Sie es gezielt nach unten, statt den Himmel oder die Umgebung unnötig mit auszuleuchten. Verwenden Sie möglichst wenig Licht und wählen Sie eine warme Lichtfarbe. So schaffen Sie eine angenehme Atmosphäre, schonen die Natur und nehmen Rücksicht auf Ihre Nachbarn. Und das ist für die Zunft der Einbrecher vermutlich weniger erfreulich als ein hell erleuchteter Garten. Außerdem macht warmes Licht schön!
Schalten Sie das Licht zwischen 22 und 5 Uhr ganz aus, wo immer es möglich ist. Länder wie Frankreich und Belgien machen es in vielen Städten vor – machen Sie einfach mit! Zur Belohnung bekommen Sie sofort einen freieren Blick auf die Sterne.
Je dunkler wir die Natur nachts lassen, desto besser für sie. Je weniger wir unsere Mitwelt nachts erhellen, desto besser können sich Natur und Mensch erholen.
Licht aus – Sterne an!
Es ist gar nicht schwer, Rücksicht zu nehmen. Und wir werden sogar fürs Auslassen belohnt: Es kostet weniger, und die Natur dankt es uns.
Denn Dunkelheit ist nicht einfach nur fehlendes Licht. Sie ist Lebensraum für viele Lebewesen. Sie bedeutet Ruhe, Erholung und Regeneration – für Tiere und Pflanzen, aber auch für uns.
Und zu guter Letzt werden wir vielleicht sogar zu besseren Menschen, wenn wir einmal versuchen, uns vorzustellen, wie es wohl einem Igel im hell beleuchteten Garten geht. Oder einem Baum, der nicht mehr richtig spürt, ob es noch Sommer oder schon Herbst ist. Oder unseren Nachbarn, denen das Licht unseres Bewegungsmelders ins Schlafzimmer scheint.
Übrigens: Tiere und Bäume haben keine Rollos. ;)
Gute Nacht!
Ein Umwelt-Essay von Nicole Schaa | www.entdecke-den-zauberwald.de
Sie möchten mehr über Lichtverschmutzung erfahren? Bei Fragen oder für weiterführende Informationen können Sie uns gerne kontaktieren. Ergänzend empfehlen wir Ihnen die folgenden Links:
Technische Planungshilfen für eine rücksichtsvolle Beleuchtung:
https://www.biosphaerenreservat-rhoen.de/sternenpark-rhoen/planungshilfen
https://natur.de/artikel/baeume-sinken-buchstaeblich-in-den-schlaf
https://www.igb-berlin.de/news/schneegluehen-und-belaubte-baeume-im-winter